27. Oktober 2021
Beitragstitel zum Apfeltext

Fehlt nur noch, dass das Kultusministerium täglich jeder Lehrkraft einen Apfel spendiert

Vorwort

Im Oktober planten wir mit der Fachgruppe Grund-, Mittel- und Förderschulen eine erneute Kundgebung in Nürnberg, um auf die unserer Meinung nach eklatanten Missstände in der Corona-Politik an bayerischen Bildungseinrichtungen hinzuweisen. Ich wurde gebeten, einen Redebeitrag zu übernehmen und schrieb daraufhin eine Rede. Leider erkrankte ich drei Tage vor der Veranstaltung und hatte typische SARS-CoV-19 Symptome, ließ mich testen, aber das Ergebnis traf bis zum 23. leider nicht ein. Mein geschätzter Kollege Johannes Schiller hielt daraufhin meine Rede, die meinem ebenfalls geschätzten Kollegen und an der Kundgebung anwesenden Joscha Falck so gut gefiel, dass er mich anschrieb und fragte, ob er aus der Rede nicht einen Gast-Kommentar für seinen Blog basteln könne. Ich fühlte mich natürlich geehrt, gab ihm grünes Licht, sprach das Ergebnis mit ihm durch und schon einen Tag später ging der Text auf Joschas Blog online. Wir verbreiteten den Link in den sozialen Netzwerken und von da ab ging das Ding ab. Alleine in den ersten zwei Tagen wurde der Artikel über 100.000 Mal aufgerufen, bis heute knapp 250.000 Mal und er sorgte für mächtig Arbeit bei Joscha und mir. Ich freue mich, den Kommentar nun auch auf dem eigenen Blog anbieten zu können.

Den „echten“ Apfel-Gastkommentar findet man aber weiterhin auf dem überaus lesenswerten Blog von Joscha Falck.

Der Apfel-Kommentar

Gewerkschaften und Lehrer:innenverbände verwenden in diesen Tagen ein starkes Wort: Sie diagnostizieren einen Notstand an bundesdeutschen Schulen. Es fehle hinten und vorne an Personal, Lehrkräfte müssen unter krankmachenden Bedingungen arbeiten und die Chance einer umfassenden Digitalisierung wurde wieder einmal versäumt. Schulen sind am Limit und können den aktuellen Herausforderungen steigender Infektionszahlen nicht adäquat begegnen.

Überall in der Gesellschaft gilt die Devise, Menschenversammlungen auf engem Raum zu vermeiden – Schulleitungen aber dürfen die tägliche Großversammlung von Menschen an Schulen organisieren. Sie sind es, die entsprechende Hygienepläne adaptieren, Hygieneschutzmaßnahmen organisieren und die komplette Verantwortung dafür übernehmen müssen, ohne im geringsten Maße dafür geschult zu sein. Eine bekannte Schulleitung bezeichnet diesen Zustand treffend als Realsatire: Sie muss jetzt einen Hygienebeauftragten bestimmen, ohne dass diese Person entsprechend geschult werden würde. Deren Name steht einfach auf dem Papier. Und jeden Morgen soll entschieden werden, welche Kinder man wieder nach Hause schickt. Ein „bisschen“ Erkältung ist aber ok. Es ist wie Lotteriespielen, wirklich schützen kann man niemanden.

50 Minuten Scorpions als Maßnahme des Hygieneschutzes?

Es kann doch wirklich nur als Realsatire bezeichnet werden, dass sich Schulen vor den Sommerferien auf vier mögliche Unterrichtsszenarien vorbereiten sollten, um dann nach den Sommerferien zu erfahren, dass es nur noch drei Szenarien gibt. Aber halt: Seit dieser Woche sind es wieder vier! Es muss als Realsatire verstanden werden, dass es klare Empfehlungen durch den vom Bundesamt für Arbeit und Soziales herausgegebenen Arbeitsschutzstandard Covid_19 gibt, dass es klare Empfehlungen der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung gerade für Bildungseinrichtungen gibt, dass das RKI klare Empfehlungen für Schulen verkündet und immer wieder davor warnt, das Infektionsgeschehen zu unterschätzen – aber keine der Maßnahmen an Schulen umgesetzt werden kann, schlicht weil keine entsprechenden Konzepte erarbeitet wurden. Es ist doch nichts als Realsatire, dass eine Kollegin aus dem Philologenverband vorschlägt, die Melodie von „Wind of Change“ als Lüftungsritual einzusetzen. Das dauere eben genau 5 Minuten und 10 Sekunden und könne immer abgespielt werden, wenn alle 20 Minuten gelüftet werden müsse. 50 Minuten Scorpions an einem Schultag als Maßnahme des Hygieneschutzes? Was bleibt einem da anderes übrig, als voller Fassungslosigkeit zu schmunzeln, wenn dann noch ein Kollege vorschlägt, Fortbildungen im Quer- und im Stoßlüften anzubieten – er sei da schließlich Experte.

Dem gegenüber ist es überhaupt nicht zum Lachen, wenn der bayerische Kultusminister Dr. Michael Piazolo den Start ins neue Schuljahr als Erfolg bezeichnet, weil nur ein paar Tausend Personen in Quarantäne sind und Kolleg*innen sich ihre Schutzmasken selbst kaufen müssen, und es ist auch nicht mehr lustig, dass als letzte Hygieneschutzmaßnahme das Lüften samt Lüftungskonzept herhalten muss – bei sinkenden Temperaturen. Jetzt fehlt nur noch, dass das Kultusministerium jeder Lehrkraft täglich einen Apfel spendiert, um das Immunsystem zu stärken. 

Es kommt mir so vor, als wehre man sich mit Händen und Füßen dagegen, das Risiko der Lehrkräfte, krank zu werden, ernst zu nehmen und entsprechend zu reagieren. Fallen Städte und Landkreise in den Bereich der roten Corona-Ampel, erfindet man eben noch eine dunkelrote Ampel. Und weil man das Thema der Digitalisierung sowie alltagstaugliche Konzepte zum selbständigen Lernen komplett verschlafen hat, versucht man auf Teufel komm raus die Schulen offen zu halten – leider auf Kosten des Gesundheitsschutzes aller Beteiligten und mit der erbärmlichen Devise, dass es schon gutgehen wird.

Corona verstärkt das Gefühl, für alles verantwortlich zu sein

Aus meiner Sicht muss endlich darüber gesprochen werden, unter welchen Bedingungen Lehrkräfte tatsächlich arbeiten: Immer von Menschen umgeben zu sein, übervolle Klassen unterrichten zu müssen, keine Pausen zu haben, um mal wirklich abschalten zu können, im Krankheitsfall von Kolleg*innen aufgeteilte Schüler*innen zusätzlich im Klassenzimmer zu beaufsichtigen oder so genannte Verbundklassen, also zwei Klassen gleichzeitig zu „unterrichten“, keine Vertretungslehrkräfte zu finden, aufgebrauchte mobile Reserven als Notbetreuer*innen verbraten zu müssen und nonstop das Gefühl zu haben, für alles alleine verantwortlich zu sein. Corona verstärkt dieses Gefühl. Es ist erschreckend, was Kolleg*innen über ganz normale Arbeitstage berichten. Arbeitstage, die schon lange nicht mehr die Ausnahme, sondern die Regel sind: „Wir haben mittlerweile ab 7.30 Uhr Aufsicht. Ich muss meine Kinder in der Aula vom Bus abholen. Sie dürfen sich nicht mit anderen Kindern vermischen. Die Kids sitzen dann bis 8 Uhr im Klassenzimmer und wollen beschäftigt werden. Wenn ich mein Klassenzimmer für den Unterricht vorbereiten will, muss ich also noch früher anfangen. Um 9.30 Uhr ist Pause. Wir haben aber keine Pausenaufsichten mehr, sondern jeder muss seine Klasse selbst beaufsichtigen. Letztendlich bin ich den ganzen Tag bis 13 Uhr nonstop bei meiner Klasse. Ich versuche wenig zu trinken, damit ich nicht auf die Toilette muss.“  

Es steht außer Frage, dass Kinder Schule und Bildung brauchen. Es steht auch außer Frage, dass man sich kritisch damit auseinandersetzen muss, welche Alternativen es zum Regelbetrieb gibt. Es sind aber auch knapp sechs Monate Zeit vergangen, um auf die Pandemie zu reagieren und entlastende Strukturen einzuführen, die letztendlich allen Beteiligten geholfen hätten. Kleine Lerngruppen im gestaffelten Betrieb, hybride Unterrichtsformen bei älteren Schüler*innen, eine Entschlackung der Stundentafel, Konzentration auf die Kernfächer. Es gibt genug hilfreiche Vorschläge von Kolleg*innen aus der Praxis. Man kann, wenn man ehrlich ist, aufgrund dieser Zustände niemandem mehr empfehlen, Lehrkraft zu werden – da nützt auch die romantisierende Kampagne „Zukunft prägen – Lehrer werden“ des bayerischen Kultusministeriums nichts. Es braucht etliches, um den Lehrberuf wieder attraktiv werden zu lassen. Es braucht vor allem Schulen, die nicht mehr am Limit arbeiten. Es braucht eine Revolution des Bildungssystems, will man gute Lernbedingungen für alle Kinder schaffen – und vor allem benötigt man gesunde und leistungsfähige Lehrkräfte. Die Liste der GEW-Forderungen ist lang: Eine Reform der Lehrkräfteausbildung, gleiches Geld für gleiche Arbeit, kleine Lerngruppen, echte Inklusion und keine Mogelpackung, Chancengleichheit im Bildungssystem, eine konsequente Umsetzung des Arbeits- und Gesundheitsschutzes, zwei Pädagogen-Lehrsysteme, Sozialpädagog*innen an allen Schulen, Anlass- statt Regelbeurteilung. 

Gerade die dienstliche Beurteilung gehört jetzt ausgesetzt, genau wie neben den externen Evaluationen auch die verschiedenen Vergleichsarbeiten an den Grund- und Mittelschulen. Alles, was nicht dringend notwendig ist, muss auf den Prüfstand gestellt werden – und das können Schulen am besten in Eigenregie. Es braucht wirklich dringend Entlastung, will man einen Bildungsanspruch beibehalten und sich nicht den Vorwurf gefallen lassen, Schulen in Betreuungseinrichtungen umzuwandeln – und nicht mal die angemessene Betreuung ist mehr gewährleistet. 

Ich möchte zum Abschluss aus einem treffenden Kommentar zitieren, den die Redakteurin Kathrin Walther am 21.10.2020 in den Nürnberger Nachrichten veröffentlicht hat und für den ich sehr dankbar bin. Sie bezeichnet uns Lehrkräfte als Co-Abhängige, die ein krankes System, und damit ist unser Schulsystem gemeint, immer noch stützen und durch unsere Arbeit bis zur Selbstaufgabe unter Vernachlässigung unserer Gesundheit am Leben erhalten – ein System, das für unsere Kinder längst nicht mehr passend ist und vielleicht auch nie war. 

„Nein, ich mache weder Schulleitungen noch Lehrkräften Vorwürfe, ganz im Gegenteil. Der Fehler liegt eindeutig im System, im Planungsversagen, in der streng hierarchischen Beamtenmentalität, in der ungerechten Bezahlung – vor allem Grundschulen leiden unter dem Mangel. Wir brauchen jetzt und sofort einen ehrlichen, offenen, transparenten Umgang, und der fängt damit an, klar zu benennen, wer verantwortlich und was alles schiefgelaufen ist. Bislang läuft die Problembewältigung nach dem Prinzip „Die Letzten beißen die Hunde“. Das gilt für alleingelassene Schulleitungen und überforderte Pädagoginnen und Pädagogen, die das umzusetzen versuchen, was ihnen ihr Dienstherr auferlegt hat. Aber wissen sie, wer am Ende tatsächlich gebissen wird? Unsere Kinder.“

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