28. September 2023

Offener Brief: „…ein paar Kinderchen beaufsichtigen.“

Lehrer sein und ein paar Kinderchen beaufsichtigen. Offener Brief an einen Politiker.

Oder „never ending story in Füssen“…

Am 02. März berichtet der Kreisbote Füssen im Artikel „Der Freistaat zahlt die Zeche“ über den Inhalt einer Stadtratsitzung. Es geht um einen Radweg, der gebaut werden soll, in der Sitzung ist man sich nicht einig. Am 04.03 erscheint der Artikel auch in der Printausgabe. Er endet mit folgendem Absatz:

Für einen Eklat sorgte schließlich Dr. Martin Metzger. Angesichts Deckwerths langatmiger Ausführungen platzte ihm der Kragen: „Sie kosten uns eine Menge Zeit mit Ihren persönlichen Problemen mit diesem Projekt“, wies er die konsternierte Sozialdemokratin unter Applaus und Gejohle aus der CSU-Fraktion lautstark zurecht. „Hier gibt es Leute, die am nächsten Tag wirklich etwas arbeiten müssen und nicht nur ein paar Kinderchen beaufsichtigen“, spielte Metzger anschließend auf Deckwerths Tätigkeit als Sonderschullehrerin an.

Für diesen persönlichen Angriff erhielt Metzger zwar eine feixende Rüge von Eichstetter und entschuldigte sich daraufhin bei Deckwerth. Gleichwohl sagte er: „Jetzt fühle ich mich besser!“

Kreisbote Füssen, „Der Freistaat zahlt die Zeche“, 02.03.2023

Nachdem mich eine Kollegin auf diesen Artikel und die Aussagen Metzgers hingewiesen habe, habe ich mit Kollegin Deckwerth telefoniert und mich dazu entschlossen, in einem offenen Brief Stellung zu diesem Vorfall zu beziehen.

Sehr geehrter Herr Dr. Martin Metzger,

ich wende mich heute in einem offenen Brief an Sie, weil ich mich über ihre Aussage im Stadtrat, zitiert im Artikel „Der Freistaat zahlt die Zeche“ in der Ausgabe des Kreisboten Füssen vom 04. März 2023, sehr geärgert habe. Ich zitiere: „[…] „Hier gibt es Leute, die am nächsten Tag wirklich etwas arbeiten müssen und nicht nur ein paar Kinderchen beaufsichtigen“, spielte Metzger anschließend auf Deckwerths Tätigkeit als Sonderschullehrerin an.“

Ich will Ihnen die Arbeit der Sonderschullehrer*innen erläutern. Sie arbeiten nach Studium, Vorbereitungsdienst und zwei Staatsexamen an Förderschulen, Regelschulen, Ganztagsschulen, Berufsschulen, in mobilen Diensten und stemmen zum großen Teil den bayerischen Weg der Inklusion. Sie unterrichten, fördern, differenzieren, diagnostizieren, begutachten, beraten und begleiten junge Menschen mit unterschiedlichen Förderbedarfen und Behinderungen. Sie sind hochqualifiziert und leisten einen wichtigen Beitrag für unsere Gesellschaft.

Derzeit herrscht ein Mangel an Lehrkräften. Auch der Nachwuchs fehlt. Das liegt unter anderem auch daran, dass Lehrkräfte in der Gesellschaft nur sehr wenig Anerkennung erhalten. Ihre Aussage, die Arbeit einer Lehrkraft sei keine „wirkliche Arbeit“, sondern nur „Aufsicht von ein paar Kinderchen“, befeuert genau diese fehlende Anerkennung. Sie beschädigen damit das Ansehen eines gesamten Berufsstandes! Dass Ihnen das „Applaus und Gejohle“ aus einer Fraktion eingebracht hat, ist umso erschreckender und bedauerlicher.

Als gewerkschaftlicher Vertreter dieser Berufsgruppe kann ich aufgrund derartigen Verhaltens und der offen zur Schau getragenen Respektlosigkeit nur erschüttert den Kopf schütteln. Der Artikel endet mit einem weiteren Zitat von Ihnen. „Jetzt fühle ich mich besser“, haben Sie nach ihrer Auslassung gesagt.

Nein. Sie sollten sich nicht besser fühlen, sondern sich aufgrund dieser Aussage schämen.

Florian Kohl
stv. Vorsitzender GEW Bayern

Download: Offener Brief als pdf

Mein Brief wurde tatsächlich am 12.03. in der Allgäuer Zeitung veröffentlicht, allerdings wurden die CSU-kritischen Teile daraus entfernt.

Es folgten weitere Leserbriefe, die Empörung war weiterhin groß. Und dann sah sich ein CSU-Stadtrat dann doch noch berufen, seinen Senf zur Debatte beitragen zu müssen.

Quelle: Füssener Blatt vom 16.03.2023
Per Klick aufs Bild zum Online Artikel

Mittlerweile machte mir das ganze ja sogar schon Spaß, also schrieb ich am 16.03.2023 ebenfalls einen Leserbrief:

Wenn jemand aus der Rolle fällt, unsachlich und persönlich wird und auf eine einzelne Person losgeht, und der Rest daneben steht und johlend applaudiert, wie jüngst im Füssener Stadtrat geschehen, zeugt das mindestens von fehlender Sozialkompetenz. In der Schule, in der „nur ein paar Kinder betreut werden müssen“, was Stadtrat Simon Hartung von der CSU erstaunlicherweise für „sachlich richtig“ erachtet, würden sämtliche Alarmglocken schrillen. Wenn dann von allen Seiten Kritik kommt, kann man entweder reumütig einsehen, dass das falsch war – oder man macht das Opfer, in diesem Fall die Lehrerin Deckwerth, auch medial und öffentlich zum Täter, spielt das ganze herunter, plustert sich dabei mächtig auf und betont, dass man zum „Sachgeschäft“ zurückkehren will. Vollkommen unabhängig von politischen Einstellungen: Wenn dieses Verhalten Alltag im Füssener Stadtrat und Grundlage für „sachliche Arbeit“ zu sein scheint, dann bleibt nur noch eins zu sagen: Da ist Hopfen und Malz verloren. Oder wie die Jugend bei uns an den Schulen sagen würde: Lost.

Ob der allerdings veröffentlich wurde, weiß ich leider bis heute nicht. Ich denke aber mal, dass der jüngste Artikel zum Füssener Skandal, indem sich sowohl Metzger als auch Deckwerth erneut äußern, hoffentlich ein Ende des Themas bedeutet. Auch wenn Metzger seiner Linie treu bleibt, persönlich gegen Deckwerth schießt und trotz Entschuldigung seine negative Haltung bezüglich der Arbeit von Lehrkräften bestätigt, ohne das wahrscheinlich selbst zu merken:

Hinzu komme, dass er als Anästhesist und Notarzt und der damit verbundenen Verantwortung großen Wert darauf lege, am nächsten Tag ausgeschlafen und fit in die Praxis zu gehen. In anderen Berufen sei das teilweise vielleicht nicht ganz so entscheidend. „Ein unausgeschlafener und müder Notarzt ist dagegen vielleicht nicht so gut!“

Kreisbote Füssen vom 17.03.2023

Nein. Ist nicht so gut. Lehrkräfte müssen dagegen nicht ausgeschlafen sein. Nur sehr wichtige Herren wie der Metzger.

Wie gesagt. Lost. Da würde wohl nichtmal ein Praktikum an einer Schule etwas helfen, zumal man das den Kindern nicht zumuten möchte. Klappe zu, Affe tot. Hoffentlich.

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