23. Juni 2024

Streikrede vom 21.03.2023 in München

Am 21.03.2023 streikten die Beschäftigten der Kommunen im TVöD erneut in München, nachdem in der zweiten Verhandlungsrunde kein angemessenes Angebot der Arbeitgeber*innen erfolgt war. Vom Stadtverband München eingeladen hielt ich auf der Kundgebung der GEW Bayern folgende Rede.

Liebe Kolleg*innen,

ich bin Florian Kohl, stellvertretender Vorsitzender der GEW Bayern, und freue mich sehr, heute hier bei euch zu sein und sprechen zu dürfen. Als Lehrer solidarisiere ich mich zu 100% mit euch, denn wir setzen gemeinsam die wichtigsten Bausteine in den Bildungsbiographien der Menschen zusammen.

Ich habe mich sehr gefreut, die Bilder der letzten Streiks in Nürnberg, München, Ingolstadt, Regensburg, Freising und Traunstein zu sehen, auf denen viele tolle Menschen für bessere Arbeitsbedingungen und einen gerechten Lohn kämpfen. Heute seid ihr aus Garmisch-Patenkirchen, Kaufbeuren, Landsberg am Lech, Bad Tölz Wolfratshausen, Starnberg, Fürstenfeldbruck, Freising, Starnberg, Erding und München hier!

Obwohl die Stimmung hier super ist, müssten wir eigentlich verdammt wütend sein. Warum, will ich euch kurz darstellen:

In Sachen Bildung herrschen große Probleme, wie regelmäßig in den Medien berichtet wird. Wir haben es mit einer Bildungskrise, einem Bildungsnotstand und sogar einer Bildungskatastrophe zu tun. Der Fachkräftemangel ist allgegenwärtig und die Aussichten sind düster: Es mangelt an Menschen, die wir dringend in allen Bereichen benötigen. Die OECD warnt vor einem paradoxen Trend, denn obwohl es immer mehr Menschen mit einem hohen Bildungsabschluss gibt, gibt es auch immer mehr Menschen, die ohne Ausbildung und Arbeit dastehen. Konkret bedeutet dies:

  • Im Jahr 2022 waren knapp 2,4 Millionen Menschen zwischen 20 und 34 Jahren ohne berufliche Qualifikation.
  • 630.000 junge Menschen zwischen 15 und 24 Jahren befinden sich nicht in Ausbildung, Weiterbildung oder Arbeit
  • Jedes Jahr verlassen 47.500 Jugendliche die Schule ohne Abschluss, in Bayern sind es 6.000, die Tendenz stagniert.
  • Bis zu 30% der Kinder in der vierten Klasse erreichen nicht die Mindeststandards im Lesen, Schreiben, Zuhören und Rechnen.

Unser Bildungssystem verliert viel zu viele Menschen, die wir dringend benötigen. Dies führt zu fehlenden Perspektiven und verstärkt die Ungleichheit zwischen Arm und Reich, nicht nur in finanzieller Hinsicht. Eine Studie der Bertelsmann Stiftung zeigt, dass rund 21 Prozent aller Kinder in Deutschland, einem der reichsten Länder der Welt, mindestens fünf Jahre lang oder wiederholt in Armut leben. In Deutschland hängt der Bildungserfolg mehr als in jedem anderen europäischen Land vom Elternhaus ab.

Mein Lieblingssoziologe Aladin El-Mafaalani bezeichnet Bildung aktuell als das größte Problem der deutschen Innenpolitik. Als Gesellschaft stehen wir vor einer enormen Baustelle und müssen uns fragen: In was für einer Gesellschaft wollen wir leben? Und wenn wir das fragen, müssen wir zwangsläufig an unsere Kinder denken, denn sie sind die Zukunft. Die Folgen der verfehlten Sozial- und Bildungspolitik der letzten Jahrzehnte betrifft vor allem sie – und damit auch uns, die wir uns in den Kitas, in der Sozialen Arbeit, in der Behindertenhilfe und in den Schulen um sie kümmern.

  • Wir sind es, die in der frühkindlichen Bildung als erste damit konfrontiert sind, wenn Kinder hungrig in die Kita kommen, kein angemessenes Pausenbrot dabeihaben oder geeignete Klamotten fehlen.
  • Wir sind es, die sich um Kinder kümmern, deren überlastete Eltern Unterstützung bei ihrem Erziehungsauftrag brauchen. Wir sind es, die dann beraten, begleiten und oftmals aufgrund komplexer Problemstellungen auch keine Antworten mehr finden.
  • Wir sind es, die Kinder in ihrer Entwicklung zu eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeiten unterstützen und dabei auf immer größere Unterschiede und Herausforderungen stoßen.
  • Wir sind es, die traumatisierte Kinder geflüchteter Familien aufnehmen, begleiten, unterrichten und häufig bei null anfangen, während gleichzeitig immer höhere Ansprüche von Eltern an uns herangetragen werden.
  • Wir sind es, die die Bildung, Erziehung und Betreuung aller Kinder bewerkstelligen und die soziale, emotionale und geistige Entwicklung des Kindes bestmöglich fördern, obwohl die notwendigen Ressourcen dafür schon lange fehlen.
  • Wir sind es, die nebenbei noch das Recht aller Kinder auf inklusive Bildung umsetzen und die Menschen mit Behinderungen dabei unterstützen, ihr Recht auf Teilhabe in einer Gesellschaft einzufordern, die dafür nicht die notwendigen Strukturen liefert.
  • Wir sind es, die wissen, was die Kinder, Jugendlichen und auf Unterstützung angewiesenen Menschen dieser Gesellschaft brauchen, und wir sind es auch, die wir tagtäglich erleben, dass es unter den gegebenen Arbeitsbedingungen und mit den vielen Aufgaben, die in den letzten Jahren dazugekommen sind, eben nicht reicht!
  • Wir sind es, die es aushalten müssen, dass wir Menschen immer weniger von dem geben können, was sie eigentlich brauchen!

Denn der Fachkräftemangel bedroht auch den Sozial- und Erziehungsdienst massiv und hat längst dazu geführt, dass die Qualität unserer Arbeit leidet. Als Beispiel: Es fehlen in Deutschland 384.000 Kita-Plätze – vor allem, weil ausgebildete Erzieher*innen fehlen. 10.942 Stellen für Erzieher*innen hatte die Bundesagentur für Arbeit 2021 im Angebot – ein Anstieg um 157 Prozent seit 2010. In München können 27% der Kitas nicht so viele Kinder aufnehmen, wie sie Plätze haben – weil Fachkräfte fehlen. Viel zu oft sind Beschäftigte dann alleine in zu großen Gruppen, Krankheitsausfälle können nicht mehr kompensiert werden, die Alltagsbelastung für das bestehende Personal ist zu hoch.

Die fehlenden Stellen können nicht besetzt werden, weil der Nachwuchs fehlt. Und das geht allen Bereichen so. Wem will man es verdenken? Es ist angesichts der geschilderten Rahmenbedingungen nicht verwunderlich, dass unsere Jobs keiner mehr machen will. Seit Jahren fehlt die öffentliche und finanzielle Anerkennung für die Arbeit im Sozial- und Erziehungsdienst, die Ausbildungen sind komplex und lohnen sich am Ende finanziell zu wenig.

Und jetzt gehen wir seit Wochen auf die Straßen, weil wir etwas ändern wollen. Wir wollen 10,5% mehr Gehalt, mindestens 500 Euro im Monat, weil wir das schon lange verdient haben!

Wenn man ehrlich ist: Wir streiken nur für Geld, obwohl es viele Dinge mehr gäbe, für die wir eigentlich streiken müssten:

  • Wir brauchen kleinere Gruppen!
  • Wir brauchen pädagogische Arbeitszeit!
  • Wir brauchen Freistellungen für Leitungskräfte!
  • Wir brauchen attraktive Arbeitsbedingungen, beispielsweise die Verlängerung des Tarifvertrags zur Altersteilzeit!
  • Wir brauchen mehr Zeit!
  • Wir brauchen sinnvolle Maßnahmen gegen den Fachkräftemangel!

Liebe Arbeitgeber*innen: Wir sind systemrelevant und halten den Laden auch in den größten Krisen am Laufen. Und ihr verweigert uns ein angemessenes Gehalt, das viel zu oft nur Schmerzensgeld sein kann? Sprecht gleichzeitig in der Öffentlichkeit viel zu oft abwertend von Betreuung statt von Bildung? Stellt jetzt aus eurer Hilflosigkeit heraus Überlegungen an, die Qualität unserer Ausbildung aufzuweichen, Gruppen zu vergrößern, Quereinsteiger auch ohne Qualifikation einzustellen und damit unsere Arbeitsbedingungen noch schwieriger zu machen? Redet aber gleichzeitig davon, dass der Beruf attraktiver werden muss, wollt aber nicht mehr dafür ausgeben und kommt mit einem beschämenden Angebot, das man nur ablehnen kann?

Das ist schäbig!

Wir leisten für die Kommunen wichtige soziale und gesellschaftlich notwendige Arbeit. Deshalb sagen wir den öffentlichen Arbeitgeber*innen: Macht ihr euren Job und kümmert euch um die kommunalen Finanzen! Es kann nicht unsere Verantwortung sein: Die Menschen da draußen verlassen sich auf uns, brauchen uns, und dafür brauchen wir entsprechende Arbeitsbedingungen und eine angemessene Bezahlung!  Wir sind ausgebildete Fachkräfte, MEISTER unseres Fachs! Wir sind die Profis, wir halten zusammen, denn wir verdienen 10.5%, mindestens 500 Euro mehr, damit wir ohne Sorgen leben können, unser Beruf die verdiente Anerkennung erhält und dadurch attraktiver wird.

Liebe Arbeitgeber*innen: Wir streiken so lange weiter, bis ihr das endlich erkannt habt!


Vielen Dank!

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